Oase der Gesundheit

AD(H)S unbemerkt

Warum kann ADHS so lange unbemerkt bleiben?

Wie sehr sich eine ADHS-Veranlagung schliesslich im Verhalten zeigt, hängt aber von den Umgebungsbedingungen und anderen persönlichen Eigenschaften ab. Je nach dem können die familiären und schulischen, beziehungsweise beruflichen Lebensbedingungen sowie gewisse Persönlichkeitsmerkmale einer ADHS eher entgegenwirken oder sie sogar noch verstärken. Wenn sich also ein Kind extrem zusammennimmt und sich übermässig Mühe gibt (zum Beispiel ohne sich zu beklagen stundenlang Hausaufgaben löst), fallen seine Schwierigkeiten nicht unbedingt auf (man denkt allenfalls, es handle sich um ein schulschwaches Kind). Auch bei sehr intelligenten Kindern, die lange Zeit nichts für die Schule tun müssen, fällt ADHS erst viel später auf. Besonders einflussreich ist das Beziehungsumfeld. Können die Bezugspersonen mit den Schwierigkeiten umgehen und Hilfestellung bieten (verlässliche und warmherzige Beziehungen, klare Strukturen zuhause und in der Schule), kann einer ADHS entgegengewirkt werden. Wenn sich die Bedingungen ändern, zum Beispiel bei Eintritt in die Lehre, das Studium oder den Beruf, beim Auszug aus dem Elternhaus, aber auch beim Zusammenziehen mit dem Partner, kann die ADHS-Symptomatik aber plötzlich in Erscheinung treten.
Noch etwas Anderes macht es schwierig, ADHS zu erkennen: Die ADHS-Symptomatik besteht zwar chronisch, tritt aber nicht in jeder Situation zutage. Menschen mit ADHS können sich unter bestimmten Umständen sehr wohl, ja sogar besonders gut konzentrieren, können über lange Zeit durchhalten oder auf das Gegenüber eingehen. Dies ist immer dann der Fall, wenn sie etwas gerne tun, wenn ihnen etwas oder jemand sehr wichtig ist, aber auch wenn ein gewisser Druck besteht (Zeitdruck, "letzte Chance"), kurz: "wenn es um etwas geht". Dies ist verwirrend. Die Betroffenen selbst wie auch ihre Bezugspersonen verstehen dann nicht, wieso die Konzentration einmal sehr gut, ein andermal sehr schlecht ist, und kommen zum Fehlschluss, dass es nur mangelndes Bemühen sein kann. Viele nicht erkannte ADHS-Betroffene wachsen deshalb mit dem zermürbenden Satz auf: "Du könntest schon, wenn du wolltest!" Tatsächlich sind ADHS-Betroffene bei ihren Handlungen mehr als andere Menschen darauf angewiesen, dass sie etwas "von innen heraus" tun möchten. Andernfalls wissen sie zwar, dass sie etwas tun sollten, können sich aber nicht dazu aufraffen. So bleiben beste Vorsätze ohne Wirkung, und das ist zermürbend. Kurz: ADHS-Betroffene könnten, wenn sie wollten – aber sie können das Wollen nicht machen.
Schliesslich trägt auch ein Informationsmangel dazu bei, dass ADHS oftmals nicht erkannt wird: Obwohl ADHS im Erwachsenenalter schon gut erforscht ist, hört man in den Medien und leider auch von sogenannten Fachleuten nach wie vor, ADHS existiere überhaupt nicht, sei beispielsweise eine Erfindung der Pharmaindustrie. Viele Ärzte und Psychologen haben in der Ausbildung nichts über ADHS im Erwachsenenalter gehört, befassen sich auch später nicht damit und können das Erscheinungsbild deshalb auch nicht erkennen. Häufig kommen Betroffene oder ihre Bezugspersonen (Partner, Arbeitgeber, Arzt, Psychotherapeut) erst aufgrund von Folgeproblemen auf die Idee, es könnte ein ADHS im Spiel sein.